Juli! Neustart!

Büros, Innendienst, geregelte Zeiten, Stempeluhren, jeden Tag zuhause, all das hatte ich. Es war Alltag.
Irgendwann, vor einigen Jahren, hat es sich dann ergeben, in den Außendienst zu wechseln. Cool!
Es war cool, neu, anders! Nicht den ganzen Tag im Büro zu sitzen, nicht alles fix zu haben, fast schon ungebunden und
irgendwie auch ungebunden zu sein.
Von einem Ort zum anderen zu düsen, die Tage bei Kunden zu verbringen, Abends ein nettes kleines Restaurant, noch ein 2 Mails,
jeden Tag in einem anderen Ort (fast zumindest), arbeiten nach den Zeiten des Kunden, keine Stempeluhr, nicht immer im Büro,
kein 8 bis 12, kein 13 bis 17Uhr, toll!

Es war wirklich anders! Es war toll!

Irgendwann drehte sich die Sache allerdings in eine etwas andere Richtung.
Man hängt schon wieder in irgendeiner Stadt, einem kleinen Kuhdorf, hängt abends schon wieder in einem Restaurant,
hat schon wieder die tolle Auswahl an immer den gleichen Speisen auf der Karte, hängt schon wieder in einem ach so tollen
Hotel, hängt schon wieder nur vorm PC, beantwortet schon wieder um 9 am Abend die Mails, die schon den ganzen Tag warten müssen,
kümmert sich schon wieder um die Anliegen eines Kunden, bei dem wieder mal alles andere ist, als bei allen anderen.
Nebenbei hat man die 5 Stunden Anfahrt noch nicht ganz verdaut.
Die 50.000 Kilometer, an denen man jährlich herumrattert, sind auch gleich mal erreicht.
An Heimweh leide ich zwar nicht, der Dauerrausch an fremden Orten, Dörfern, Städten etc, ist jedoch auchnicht gerade prickelnd.
Wenn man morgens aufwacht, sich nicht sicher ist, in welchem Kaff man gerade ist, hat mans vermutlich übertrieben.

Was anfangs als wirklich toll rüber kam, stellte sich irgendwann als fast schon Belastung heraus.

Warum Belastung? Gute Frage! Hier die Antwort!
Sie haben ein Zuhause, sind aber nur mehr am Wochenende für 2Tage dort. Sie kommen am Freitag vielleicht am Nachmittag nachhause,
stapeln ihre Schmutzwäsche vor der Waschmaschine, knallen sich einen Kaffee zwischen Ober- und Unterlippe, setzen sich anden Laptop,
schreiben Ihre Wochenberichte, die so und so keiner liest, machen Dokumentationen, die auch keiner für voll nimmt,
malen das Kilometerbuch voll, schieben sich zwischendurch noch schnell ein Abendessen rein, planen die nächste Woche,
buchen schon die Hotels, erwarten freudig die Buchungsbestätigungen und stellen fest, dass es wieder ca 1500km werden,
die sie zusätzlich zu den täglichen 10 bis 12 Stunden Arbeitszeit abrattern dürfen. Wenn das alles erledigt ist,
schauen sie nach der Wäsche, packen die Tasche schon für die kommende Woche und und und.

Klingt cool oder?
Sie haben bei der ganzen Sache aber einiges vergessen!

Sie haben Familie! Ernsthaft!
Die Leute, die die Wohnung, das Haus oder was auch immer, wochentags bewohnen, eventuell mit ihnen verheiratet sind,
wollen auch etwas von ihnen!!!!

ZEIT!

So ganz nebenbei haben sie auch noch Dinge wie den Einkauf, Reparaturen, etwas Leben, etwas Freizeit, etwas Dies, etwas Das,
etwas Familie, etwas hiervon, etwas davon zu erledigen.
Dazu kommt noch das Wochenende. Fast vergessen, hä?

Klingt nicht mehr so cool oder?

Zeit! Sie haben irgendwann keine Zeit mehr für das Alles!
Und wenn sie zeit haben, hängen sie ja irgendwo weit entfernt in einem kleinen, netten, Hotel, einem Restaurant oder in irgendeinem Kaff herum.

Klingt auch nicht so cool oder?

Nebenbei können sie nichtmal nur schnell zum Arzt gehen, sich abends schnell um die defekte Leuchte am Haus, den Rasen oder das Auto der Frau kümmern.
Sie hängen ja ….. Ach lassen wir das.
So gaaaanz nebenbei haben Sie dann vielleicht noch einen Arbeitgeber, der das alles als völlig normal ansieht, den Kollektivlohn und korrekte
Stundenaufzeichnungen als Belustigung ansieht und sich gerne mal bei Überweisungen viel Zeit lässt. Provisionen in homöopatischen Dosen,
Überstunden in unglaublichen Mengen, eine fehlende Auszahlung derselben, eine gewünschte Steigerung des Aktionsradius um weitere 500 km,
eine Steigerung des Arbeitspensum auf noch mehr Stunden.

Der humoristische Anteil verschwindet langsam!

CUT! SCHNITT! AUS! ENDE! Habe fertig!
Bevor ich mich mit den Worten Burnout oder eher schon Fuckoff beschäftigen musste, hab ich den Schlussstrich gezogen.
Kündigung! Zwar mit Vorankündigung, die jedoch nicht gehört wurde. Warum? Zuhören und sich um Personal zu kümmern, ist nicht jedermans Sache. Schade eigentlich…

Jetzt?
Juli, Neustart!

10 Kommentare zu „Juli! Neustart!“

  1. Ja, ich kann es gut nachvollziehen! Bin seit 1991 auf Tour im Aussendienst. Es wurde die letzten Jahre immer schlimmer! Arbeitgeber die Controlling mit Kontrolle und Überwachung verwechseln. Keinerlei Wertschätzung, weder von Kollegen-/Vorgesetztenseite, noch von den Kunden. Immer weiter ausgedehnte Gebiete. Kaum noch Freunde und Freizeitaktivitäten…

    Habe im März die Notbremse gezogen und bin seitdem krank geschrieben. Burnout und völliger Verlust des Selbstwertgefühls.

    Was danach kommt? Keine Ahnung. Außer dass man mit 55 zum alten Eisen gehört. Für die Rente zu jung, für die Arbeit zu alt.

    Gefällt mir

    1. Hab das ganze Spiel (in dieser Form) jetzt 5 Jahre in der einen, vorher 1 Jahr in einer anderen Firma so gehabt.
      Burnout hatte ich noch nicht ganz erreicht, hab auf Fuckoff umgeschaltet und den sprichwörtlichen Hut an den Nagel gehängt:
      Das Thema Alter wird immer schlimmer! Das hab ich vor inzwischen vielen Jahren schon mal im Ohr! Da hat mir jemand mit damals 50 erklärt, ich wäre mit (damals) 40 schon zu alt für seine Jung-und-ultradynamisch-Firma.

      Ich wünsch dir alles Gute, dass du aus der Nummer wieder gesund rauskommst!

      Gefällt mir

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