Das Garagentor als Blick in die Vergangenheit …

Da stand ich. Diese braune Blechtür. In deren Mitte ein runder, schwarzer Knopf mit einem Schlüsselloch in der Mitte. Ausgebleicht von vielen Jahren Sonne, bearbeitet
von Wind und Wetter. Ich fummle mit dem Schlüssel rum, schaffe es das Schloss zu öffnen. Alles klemmt irgendwie. Links oben ans Tor gedrückt, gewackelt, gedruckt, und
schon ging es quietschend auf.
Ich kam mir vor, als würde ein Museum aufsperren. Ein sehr sehr kleines Museum, aber immerhin. Spinnweben hingen vom Tor, der Staub hing in der Luft.
Eigentlich wollte ich jetzt so stehenbleiben, mir dieses Bild ansehen, es mir einprägen, aber einerseits kannte ich das, was ich da sah, schon ca 40 Jahre sehr gut, andererseits
regnete es zu stark um da blöd vor einer Garage stehenbleiben zu wollen.

Ein Schritt und ich war im Trockenen, aber auch in der Vergangenheit.

Ich hatte zumindest das Gefühl in der Vergangenheit zu sein.
Ich stand in der Garage.
Ich stand in DER Garage.
Ich stand in der Garage meines Großvaters.

Ja, ok! Eine gemauerte Garage in einer Art Garagenpark. Kein Licht, kein Strom, kein Wasser, nur ein Parkplatz mit mehereren Reihen Garagen. Nicht mehr. Garagen und aus.

Aber!
Es hatte was! Es hatte was ansich! Es war wie eine kleine Zeitreise.

Diese Garage, sie hat die Nr1 im Garagenpark, wurde gebaut, als ich gerade mal 6 oder 7 Jahre alt war. Ich kann mich genau daran erinnern. Heute noch.
Viele Menschen schupften Ziegel, klatschten Putz an die Wände, deckten Dächer, montierten Tore und feierten sich irgendwann selbst.

Mein Großvater, zeitgleich auch eines meiner Idole, war einer von Ihnen. Er konnte zwar nicht so viel arbeiten wie andere, er hatte nur mehr ein Bein und ging auf Krücken, aber er arbeitete auch mit.
Ende der 70er hatte noch nicht jeder Auto, aber mein Großvater war einer von ihnen.

Irgendwann als alles fertig war, wurde die Garage eingerichtet. Fürs Auto fast schon gemütlich! Lackschoner an die Wand, damit die Tür sich nicht verkratzt, ein kleiner Hocker, damits beim Autopolieren gemütlicher wird, ein kleines Regal für die Putzmittel, Träger für die Winterrreifen und so weiter.
Eine Schneeschaufel wurde extra für die Garageneinfahrt gekauft und im Inneren drapiert.

Das war gegen Ende der 70er Jahre. Ich rede hier vom letzten Jahrtausend wohlgemerkt.

Dann vergingen die Jahre.
Oft half ich dann, die Einfahrt vom Schnee zu befreien, half die Tür zu öffnen und zu schliessen, sperrte auf, sperrte zu.
Die Jahre vergingen weiter.
Ich wurde älter, mein Großvater natürlich auch.
Ich zog irgendwann zuhause aus, zog weg, kam nur mehr zu Besuch.

Mein Großvater musste dann irgendwann einsehen, dass es mit dem Autofahren nicht mehr so klappt. Er verkaufte seinen inzwischen alten und rostigen, blauen Mazda,
der immer so schön nach billigen Plastik gerochen hat.

Irgendwann verstarb mein Großvater. Auch meine heißgeliebte Großmutter verstarb einige Jahre später. Alles war weg….. Nicht erinnerte mich mehr an diese Ecke in der ich aufgewachsen bin.

Die Jahre vergingen. Viele davon zogen ins Land. Viele.

Irgendwann bekam ich einen Anruf. Eine nahe Verwandte sei verstorben. Ich hatte schon über 22 Jahre keinen Kontakt mehr zu ihr.
Ok, ich dachte mir nicht sehr viel….. Ich hatte ja keinen besonderen Draht zu ihr…

Dann, einige Wochen später, bekam ich einen Brief zugestellt. Ich erhielt eine Ladung zum Notar. Eine Verlassenschaftsverhandlung hieß es.

Ich ging hin, musste mich mit Lichtbildausweis anmelden. Es war lustig der Notarin zu folgen, soweit man das versteht, was diese Fachchinesen von sich geben.
Irgendwann nachdem alles verlesen war, wurde ich gefragt, ob ich das Erbe antreten würde. Meinen geistigen Dämmerzustand unterbrechend, musste ich nochmals nachfragen. Ja, es geht ums Erbe! Es geht um die Garage!

Ich hatte in den vielen Jahren völlig vergessen, dass es diese Garage gab! Irgendwas musste ja damit passiert sein, als meine Großeltern verstorben waren.

Ich erfuhr, dass die nahe Verwandte, die wenige Wochen zuvor das Zeitliche gesegnet hatte, die Garage damals irgendwie geerbt und bis zu ihren Tod besessen hatte.
Jetzt, so erfuhr ich, war ich der Erbe!
Cool, ich erbe eine Garage.
Die Garage!
Die eine Garage!
Die Garage meines Großvaters!

Meine Neugier stieg. Warum, kann ich nicht sagen, aber sie stieg.
Papiere hin, Papiere her, war ich Besitzer der Garage.

Ja, Ne, oder? Wie, was? Vermietet?????
Ich erfuhr in ganz kleinen Schritten, was vor ca 20 -25 Jahren passiert war.
Mein Großvater hatte ja irgendwann kein Auto mehr. Er vermietete die Garage damals also an eine flotte, sportliche Dame, die im Nebenhaus wohnte.
Damals!
Ich fuhr hin. Alle Papiere unterm Arm. Sie öffnete die Wohnungstüre. Eine alte, ergraute Frau stand vor mir.
Sie erzählte mir, wie nett mein Großvater und dessen Erbin nicht gewesen wären, dass sie ihr die Garage über viele Jahre vermietet hätten.
Sie wäre so dankbar dafür….
Ich vermietete Ihr die Garage als braver Enkel natürlich auch weiterhin.
Bis zu dem Tag andem die ältere, inzwischen sehr gebrechliche Dame ebenfalls das Autofahren aufgeben musste.
Erst an diesem Tag bekam ich einen Schlüssel zu dieser Garage ausgehändigt.

Ich fuhr hin.
Ich stand vor dem Garagentor

Da stand ich. Diese braune Blechtür. In deren Mitte ein runder, schwarzer Knopf mit einem Schlüsselloch in der Mitte.
Ich hatte zumindest das Gefühl in der Vergangenheit zu sein.
Ich stand in der Garage.
Ich stand in DER Garage.
Ich stand in der Garage meines Großvaters.
Eine Garage wie viele andere. Nichts besonderes. Der Boden gestrichen, etwas verstaubt, bis auf ein kleines Holzregal mit Stoffvorhang, einen Hocker und altes Zeugs.
Wie in vielen anderen Garagen auch.
Eben nicht ganz!

Diese eine Garage ist anders. Sie hat etwas, das nicht viele Garagen haben. Sie hat fast schon historischen Charakter.
Klingt etwas komisch, aber es ist so.

Diese Garage ist wie eine kleine, lustige Zeitkapsel.

Es sieht genau so aus, als hätte mein Großvater vor weit über 20 Jahren das Auto aus der Garage gefahren, zugesperrt und wäre weggefahren.
Komplett gleich. In allen kleinen Details. Bis auf den Staub.
Die kleine Dose „NeverDull“ ein Poliermittel für Chromteile, das kleine Fläschchen Öl, das eigenartig riechende Türgummipflegemittel, das Warnhütchen, der kleine Klappgetränkebecher, die Gardenaautowaschbürste, der Stoffvorhang, die alten Ski samt Stöcken mit Riesenteller, alles, wirklich alles, stand noch genau so an seinem Platz,
wie es schon seit Anfang an stand. Perfekt geordnet. Seit geschätzten 40 Jahren.
Sogar der Geruch hatte sich erhalten. Billiges Asiaplastik, gemischt mit NeverDull-Türdichtungs-Mittel-Geruch und abgestandenem Reifenduft.
Ein Traum für jeden, der diesen klassischen und abgestandenen Duft mag.

Warum das alles so verwundert klingt? Ganz einfach! Fast 40 Jahre benutzt, vermietet, meist abgeschlossen und verriegelt, steht diese Garage da.
Obwohl das alles passiert ist, die Uhr sich oft weitergedreht hat, wurde nichtmal diese kleine Dose Poliermittel verschoben, die Dichtungspflege umgestellt, die Schneeschaufel bewegt, die Waschbürste hochgehoben.
Es scheint nichts passiert zu sein! Genau NICHTS!
Als wäre diese Garage fast 40 bzw mindestens 20 Jahre versiegelt gewesen.

Für mich ist es, als würde man in ein Becken voller Erinnerungen springen. Es ist nur eine Garage. Das ist mir bekannt und bewusst. Es muss auch komisch klingen,
aber es weckt Erinnerungen an …. Irgendwas von vor 20 bzw 40 Jahren.

In Erinnerungen zu schwelgen, sich an gewisse Geschehnisse zu erinnern, daran zu denken und revue passieren zu lassen. Schön. Ich dachte allerdings nicht, dass man soetwas mit einer Garage auslösen kann.
Trotz aller Träumerei, trotz schöner Gedanken, trotz Allem. Die Welt dreht sich weiter, Dinge passieren, Vieles verändert sich. Ich zum Beispiel, bin von dort weggezogen,
mir ein kleines Nest in einem anderen Winkel aufgebaut, mich auch verändert.
Diese Garage, die nur eine einfache Garage ist, hat eigentlich keine Bedeutung. Es ist eine Garage, nicht mehr und nicht weniger. Sie löst nur Erinnerungen aus.
Sie hat nur Erinnerungen ausgelöst. Ich räume sie aus.
Ich nehme diese Dose NeverDull, das Fläschen, die Schaufel, das Schränkchen in die Hand, stelle es um, schmeisse es weg, zerlege diese Ansammlung an kleinen,
inzwischen nutzlos gewordenen Dinge, schliesse das braune, verwitterte Tor und übergebe Sie besenrein jemandem Fremden.

Ich kann diese Garage nicht nutzen, sie ist für mich falsch gelegen, steht am falschen Platz für mich.
Die Garage wird besenrein verkauft. Dinge verändern sich. Oft merkt man es erst an solch kleinen, an für Andere unbedeutenden Dingen wie Garagen.

 

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