Der leise pfeifende, seine Runden drehende bunte Hund, den alle kannten.

Leise pfeifend, langsam und auf einen Stock gestützt, drehte er täglich seine Runden durch den Ort.
Bekannt wie ein bunter Hund, lautet eine ortsübliche Formulierung. Jeder kennt ihn, wusste wer er war, kannte ihn, schätze ihn.

Ein Leben wie aus einem Buch. Kein bedeutendes Werk, keine Großauflage, aber ein Buch, das ein Leben beschreibt.
Aus einfachen Verhältnissen stammend, gerade gestrickt, geradlienig, sein Leben lang Arbeiter, Familienvater.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ein freundlicher, zufriedener Mann, der mit seiner Tätigkeit als kleiner Arbeiter seine Frau und seine 3 Kinder ernährte, seine kleine Mietwohnung finanzierte und ruhig lebte.
Die Frau verlor er durch eine Krankheit, an der sie lange litt, die Kinder gründeten selbst jeweils eine eigene Familie.
Irgendwann bezog er eine kleinere Wohnung. Ein Kind übernahm die Wohnung, in der alle aufgewachsen sind.
Drei Häuser weiter, in einem fast baugleichen Haus lebte er nun. Viele Jahre zogen ins Land.

Er lebte ruhig vor sich hin, pfiff leise sein Lied, drehte seine Kreise. Besuchte tägliche seine Freunde vom Fischereiverein,  schaute am Fussballplatz vorbei, besuchte den Sohn, dessen Familie und genoss die Pension.
Als täglicher Besucher kam er zum Essen vorbei, schlürfte genüsslich seinen Kaffee, sah die Enkel heranwachsen, sah wie sich alles weiterdrehte und sich veränderte. Alles wurde anders.
Neue Nachbarn zogen ein, andere zogen aus, alles drehte sich weiter und weiter.

Irgendwann, er drehte immer noch seine Kreise durch den Ort, begann er, sich über Veränderungen zu beschweren und auch ein bisschen aufzuregen.
Warum denn diese Mauer da auf einmal da wäre, wer sie denn gebaut hätte, fragte er. Wo denn sein Bruder wäre. Ob jemand seine Frau gesehen hätte.

Die Fragen wurden mehr und mehr. Das Unvertsändnis seinerseits gegenüber verschiedenen Dingen, wurde größer.

Diverse Situationen konnte man auch durchaus als lustig ansehen. Teilweise leider auch nicht.

Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat wurden die Veränderungen deutlicher.
Er verfiel. Er wurde dement. Er vergaß die Gegenwart. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, was gestern, vor 3 Monaten oder 15 Jahren war.
Aber er konnte sich an seine Kindheit erinnern. Dinge, die vor 60 oder 70 Jahren waren, die waren noch oder wieder da.

Immer öfter beklagte er sich über seinen Bruder, der nicht zum spielen kam. Sein Bruder starb schon vor mehr als 40 Jahren.
Seine Frau sei nicht heimgekommen. Sie verstarb vor mehr als 20 Jahren.
Den Eingang seiner alten Arbeitsstätte hätte man umgebaut. Der Betrieb wechselte schon vor 40 Jahren den Standort.

Viele, viele kleine Dinge kamen und gingen durch seinen Kopf. Es blieb nichts mehr. Es bleib nichts mehr in seinem Gedächtnis hängen.

Leise pfeifend, langsam und auf einen Stock gestützt, drehte er täglich seine Runden durch den Ort. Bekannt wie ein bunter Hund.

Bis zu seinem leisen Abgang.

Irgendwann kam er nicht mehr die Straße entlanggewandert, drehte keine kleinen Runden mehr, pfiff kein Liedchen mehr,
wunderte sich nicht mehr über diese blöden, neuen Dinge, die die Leute da so gebaut und gemacht haben.

Er kam nicht mehr.
Sein Lieblingslied war bei seiner Beisetzung zu hören. Alle hörten das leise pfeifen.
Diese Erlebnisse sind inzwischen schon einige Jahre vergangen, gelegentlich wird aber immer noch über ihn gesprochen.
Über den leise pfeifenden, seine Runden drehenden bunten Hund, den alle kannten.

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