Tag 623: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Angst

Von der Diagnose bis zum Tod.

Ein Weg, viele Schritte. Auf, ab.

Irgenwann, einige Zeit nach der Diagnose, den ersten Behandlungen, den ersten Nebenwirkungen und den ersten Tiefschlägen, werden die Gespräche zwischen den Partnern immer intensiver. Auch deutlicher. Sollte zumindest so sein.

Man „plant“ Dinge, obwohl ein „planen“ eigentlich nicht mehr möglich ist. Den Tackt gibt die Krankheit vor.
Man versucht also, gewisse Dinge hinzubekommen, noch hinzubekommen. Die Krankheit zwingt einem Termine auf, zwingt einen dazu, einiges zu verschieben, anders zu machen, damit umzugehen. Alles zu ändern.

Irgendwann kommt man auf den Gedanken, was denn „dann“ passiert. Ein Testament, eine Überschreibung, ein Schriftstück beim Notar, all das wird irgendwann Realität und ist nicht mehr zu verschieben. Wir wollten dies alles schon irgendwann mal machen. Auch das änderte die Krankheit. Wir mussten es jetzt machen. Ist schon einige Monate aus, aber es war genau der passende Zeitpunkt. Die Verfassung passte, die Zeit war gut, die Krankheit gab uns die Zeit.

Man hat ja auch übers sterben gesprochen. Vor einigen Monaten schon. Gut.

Dann, einige Zeit später, war dies und das, ein Hoch, ein Tief. Wir sprachen auch übers Sterben, nicht nur übers Leben. Immer wieder mal. Wir habens nie vergessen, nie verdrängt.

Solche Momente, solche Gespräche waren nie einfach, taten immer irgendwie weh, hinterliessen immer Abdrücke, Kerben und stachen ins Herz. Aber man soll davon sprechen, darüber sprechen. Man muss ja auch damit leben. Leben mit dem Sterben.

Wir haben oft gesprochen. Miteinander. Wir beide zusammen. Miteinander übers Sterben, übers Ende.

Es war nie schön, musste aber sein. Es musste raus. Ein Verschweigen, ein Verdrängen, ein Wegschieben. Das klappt nicht. Das zerfrisst!

Offen sein, damit umgehen. Sich nicht verstecken, sich nicht verstellen, ist und war die Devise.

Das Planen wird zum Träumen, zum Hoffen,

Jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem es wieder weiter in die eine Richtung geht, werden die Gespräche noch intensiver, noch offener, aber auch schmerzlicher.
Es ist allen bewusst, dass das Ende kommt. Dass das Sterben vor der Türe steht, dass der Tod kommen wird.

Bei jedem einzelnen dieser Gespräche, wurde es intensiver, teilweise trauriger, teilweise schmerzender. Immer mehr und mehr und mehr. Man wächst damit. In den Köpfen spielt sich nicht mehr nur das Leben ab. Auch das Sterben.

Es wir immer mehr und mehr. Es kommt näher und näher. Es schmerzt immer mehr und mehr. Obwohl man so viel und so oft darüber gesprochen hat. Es schmerzt immer mehr.

Die Realität tut weh.

Tränen. Angst. Angst um den Partner. Angst, den Partner zu verlieren. Angst. Tränen

Die Krankheit gibt keine Ruhe, lässt keine Pausen zu. Sie gräbt weiter. Sie gräbt immer tiefer unter das Fundament, auf das man alles gestellt hat.

Angst.

Ein Weg, viele Schritte. Auf, ab.

Der Weg wird enger und steinig. Die Schritte werden weniger, kürzer.

Der Weg geht nicht mehr bergauf.

Angst.

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

9 Kommentare zu „Tag 623: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Angst“

  1. Es tut weh zu lesen, dass der Weg nicht mehr bergauf geht. Vor allem tut es weh, wenn man mitverfolgt, wie nah ihr euch seid, viel Liebe, soviel Nähe, soviel Vertrauen und eine geplante GEMEINSAME Zukunft. Es tut mir leid und ich wünsche euch, dass alles ohne Stress abläuft, was das Hospiz betrifft. Möge eure Liebe euch über die kommenden Tage tragen,
    von Herzen
    Andrea

    Gefällt 2 Personen

    1. Gerade der Respekt vor dem Menschen den man liebt, ist für mich wichtig.
      Man kann nichts „abnehmen“, aber man kann da sein. Helfen soweit man kann.
      Irgendwann ist Hilfe von Aussen notwendig. Wie eben jetzt.
      Danke sehr!

      Gefällt mir

  2. Traurig, hilflos, sprachlos …
    Ich war da, habe gelesen, finde keine richtigen Worte.
    Und so geh ich wieder. Aber meine Gedanken bleiben bei euch. Bei dir und deiner dir Anvertrauten. Ich finde diese Bezeichnung so wunderschön.
    M.

    Gefällt 2 Personen

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