Tag 643: Das Verschwinden schreitet voran.Von Fröschen, den Eltern und dem Hospiz

Gestern Tag 643, späterer Nachmittag. Palliativstation im Krankenhaus.
Meine mir Anvertraute lehnt am aufgerichteten Kopfteil des Bettes, leicht zur Seite gerutscht, spricht mit einer sehr fürsorglichen Krankenschwester über den riesen Frosch, der kurz zuvor im Zimmer gewesen sei.

Einerseits eine Szene, über die man eigentlich lächeln könnte. Eigentlich…

Die Eltern meiner mir Anvertrauten leben schon viele Jahre nicht mehr. Zwei besondere Freunde, auch schon lange verstorben. Aber. Sie waren da. Sie alle sind irgendwo in der Nähe. Sie kann sie nur nicht finden.
„Irgendwo sind sie. Wo treibens sich die alle nur rum?“
„Die Spinne, die Spinne hättest du sehen sollen! Die war sooo groß!“
„Ich brauche eine neue Hose!“
„Morgen gehe ich zum Friseur!“
„Ich hasse es, wenn du sagst: Ich mach das schon!“
„Ich bin schief! Ich bin so schief!“
„Kann nichts sehen! Alles so unscharf und so komisch!
„Es tut weh, wenn du mich angreifst!“

Worte, Sätze, Phrasen, die alle völlig ohne Zusammenhang und ohne (für mich) erkennbaren Grund innerhalb von ca 15 Minuten kamen.
Der Körper dabei schwach, dünn. Die Mundpartie, das Kinn, alles grau.
Die Hände ganz zierlich, dünn, weich.

Der Kopf, der Geist, alles beschäftigt sich mit Dingen, die nicht zusammenpassen. Das Gehirn mischt alles. Erzeugt Dinge, die nicht da sind. Tiere sind im Zimmer. Baustellen sind im Nebenzimmer und am Gang. Die Jacke soll  gewaschen werden. Es sei kalt hier. Es sei heiß im Zimmer. Habe mit Robert und Herbert gesprochen (beides verstorbene Freunde). Und Vieles mehr…….

Die Sache mit dem Übersiedeln ins Hospiz hatte meine mir Anvertraute völlig vergessen. Ich musste sie mehrfach daran erinnern.

Dass Corona auch nochmals zum Thema werden würde, haben wir beide dann auch noch erlebt. Es müsse noch eine virologische Untersuchung mit einem Stäbchentest gemacht werden. Sollte der in Ordung sein, kann der Transport heue um 10:00 stattfinden.

Ich, eigentlich die ganze Familie, wollten das hinauszögern, ihr ersparen. Aber es geht nicht anders.

Ich wünsche ihr Ruhe. Wir wünschen ihr Ruhe.

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

8 Kommentare zu „Tag 643: Das Verschwinden schreitet voran.Von Fröschen, den Eltern und dem Hospiz“

  1. Ihr tut mir so leid, mein Mann verstarb letztes Jahr im Mai. Ähnliche Situation, Lungenkrebs, abgemagert bis auf die Knochen, starke Schmerzen und gekämpft bis zum Schluss. Was tat ich. Ich war bei ihm bis zum Schluss.Er war auch erst 58 Jahre.Ich wünsche euch viel Kraft und ich kann nur eins sagen…….du machst alles richtig, lg Hermi

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