Tage zählen? Wozu?

Sollten Sie sich fragen, warum in letzter Zeit meine Blogeinträge nummeriert sind bzw mit „Tag xx“ betitelt sind, hier nun ein Erklärungsversuch:

Es beginnt übrigens an dem Tag, als für meine Frau, mich und unsere Familie, das ganze Thema ihrer Krebserkrankung bekannt wurde bzw. ihr so richtig eine auf die Breitseite donnerte.

Die Tagezählerei ist eigentlich, ganz egoistisch gesehen, der Versuch, für mich direkt und für meine mir Anvertraute eine Linie zu schaffen, an der man sich orientieren kann.

Ich für meinen Teil, versuche das Geschehene, die Gedanken, die Ängste etc. so zu notieren, daß ich es mir wieder und wieder hervorholen kann. Als Tagebuch!

Für meine Frau hingegen, versuche ich die einzelnen Dinge so zu notieren, daß es für sie irgendwann mal eine Zusammenfassung eines richtig beschissenen Filmes wird, der hier gerade abläuft. Ein Weg, der steinig, schwer, mit Angst und Hoffnung gepflastert ist und hoffentlich ein Happy-End nehmen wird. Ein Tagebuch, das auch sie lesen kann.
Ihr fehlen leider einige/viele Tage…

Fragen Sie mich bitte nicht, ob das Sinn ergibt! Ich mache es einfach!
Kann sein, daß ich es irgendwann zusammenfasse und nochmals lese, es lösche, es vergesse, es vergessen will, oder was auch immer. Ich mache es einfach!
Dieser Krebs, diese Krankheit etc. ergibt auch keinen Sinn!

(Fast) alle anderen Einträge handeln von Diesem und Jenen – einfach lesen!

Tag 37 – Arbeit und Chemie

Ein Tag, wie es noch viele werden…

Meine Frau:
Krankenhaus. Onkologiestation. Meine Frau erhält den zweiten Tag Chemotherapie der zweiten Chemo-Welle. Die sofort feststellbaren Auswirkungen sind einerseits eine leichte Benommenheit, Schwindelgefühle, Müdigkeit,….. Die langfristig feststellbaren Auswirkungen, hoffentlich ein lebbares Leben…

Ich:
Viel Arbeit. Weit weg von Zuhause.
Denken an meine Frau. Kurz mit ihr telefonieren. Besuchen geht sich heute nicht aus.
Morgen! Morgen kann ich sie wieder besuchen bzw nach dem dritten Chemotag der zweiten Welle abholen. Hoffentlich…

Der Satz, der sich bei mir eingebrannt hat:

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

 

Tag 36 1/2 – Vorsichtige Lichtblicke!

Wie sich heute Vormittag, nach einem kleinen Patienten- und Angehörigen-Ich-geb-jetzt-mal-Gas-Spiel, bei einer zufällig durchgeführten Röntgenkontrolle des Kopfes herausgestellt hat, konnte ein (ganz vorsichtig augedrücktes) „Schrumpfen“ der Metastasen festgestellt werden!

Weg werden sie nicht gehen, aber ein „schrumpfen“ ist schon mal ein kleiner, aber sehr bedeutender Schritt in Richtung LEBEN!

Wir hoffen natürlich weiter, denn:

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Tag 36 – Die nächste Welle rollt an

Die nächste Chemo-Welle wird gestartet! 7:30 einchecken im Krankenhaus!
Das Nervenkostüm ist etwas unrund. Die Nacht war kurz, eher schlaflos.
Zuerst das Bürokratische, die Aufnahmerituale, alles nochmals erklären, achten auf die Intoleranzen,….
Blutabnahme! Das wird immer schwieriger. Die Venen verabchieden ich langsam aber sicher. Ein Dauerzugang ist im Gespräch. Für „Stammgäste“ fast schon üblich – angeblich!

Der Kopf spielt die Hauptrolle!

Wie verträgt sie die Chemo? Wie sieht es aus mit den bereits eingetretenen Nebenwirkungen? Kann man diese lindern? Gibts was gegen das „Nicht-schlafen-können“?

Sagen die diesmal etwas????

Sagt überhaupt jemand etwas?

Kann man einen Arzt dazu bringen, sich über die Chancen auszulassen?

Müssen wir wirklich noch 4-5 Wochen warten, um zu erfahren, dass irgendwas geholfen hat? Oder dass nichts geholfen hat?

Warten – keine Aussagen – hoffen – warten – wenig Aussagen – Unklarheiten – Angst – warten – hoffen – warten – Angst – warten – hoffen – …….

Kurzfassung: Der Kopf platzt gleich!
Es hilft: NICHTS ausser hoffen!

Denn:

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Tag 35 – Es tut weh! Angst! Pure Angst!

21:00 zurück vom Kunden, meine mir Anvertraute hängt verzweifelt in der Ecke…
Den Tag hat sie gut überstanden. Keine Pannen, keine Probleme, angeblich alles ok…

Das Kopfkino ist das Problem!
„Alleine ist es schlimm. Mir fällt die Decke auf den Kopf. Die Narbe am Kopf schmerzt. Schlafen klappt nicht mehr. Ab 2:00 war ich munter. Alles dreht sich nur ums Überleben! Die müssen mir etwas geben, damit ich wenigstens schlafen kann!“

Alles dreht sich!
Alles dreht sich ums Leben, die Angst, die ……

Ich kanns sschon fast nicht mehr sagen: Hoffnung!

Es tut weh….  Angst…. pure Angst …..

Noch kann ich, noch können wir es sagen:

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Tag 34 – Abgelenkt und Stress im Kopf

Meine Frau: kurze Ablenkung durch den Besuch ihres Bruders..

Thema: Krebs, Zukunft, Hoffnung, Angst, das Leben..

Der Kopf rebelliert! Das Denken nimmt kein Ende!

Es dreht sich Alles um das Eine! Leben!

Ich: Ablenkung durch Arbeit und den Besuch ihres Bruders

Thema: Krebs, Zukunft, Angst, Hoffnung, Angst, das Leben….. nebenbei die Arbeit, der Kunde von Morgen, EDV, ….

Anfahrt zum Kunden: Zeit zu denken, denken, denken….

Es dreht sich Alles um das Eine! Leben!

Wir beide: Hoffnung, Angst,…

Es dreht sich Alles um das Eine!

Leben!

Scheißtag…. Es fällt sogar das Schreiben schwer!

Aber:

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Tag 33 – Kopf und Co

Am Donnerstag gings los, am Freitag haben wir davon gesprochen, gestern auch….
Verdrängt, verschoben,….
Heute, Sonntag, war es dann soweit: „Hol deine Haarschneidemaschine und schneid diese Fransen bitte ab, ganz ab, weg!“

Ich habe mich eigenartig gefühlt, meiner mir Anvertrauten, die Haare bis auf 2 mm abzurasieren. Für Sie war es klar, dass es so kommt. Für mich auch.
Eigenartig ist es trotzdem.

Ich finde es weder häßlich noch abstoßend, noch irgendwas. Es ist meine Frau.
Es bleibt meine Frau! Ich liebe sie auch ohne Haare! … hab ja selbst keine mehr!

Der Kopf spielt heute generell ein wichtiges Thema:
Nachdenken, grübeln, denken…. Es dreht sich alles im Kreis!

„Was ist? Was kommt? Überleb ich das Ganze? Was ist in 4-5 Wochen, wenn die CT-Kontrolle ein „negatives“ Ergebnis liefert?
Es dreht ich alles im Kreis, den ganzen Tag, die Nächte durch,….“

„Gibt es Hoffnung?“

Ja! Denn:

Die Hoffnung stirbt zuletzt!